Geschichte des Thürer Kreuzwegs

von Friedrich Hermes und Doris Hilger

Pilger, die aus dem Heiligen Land zurückkehrten, legten oftmals Nachbildungen der Via Dolorosa als Kreuzwege in ihrer Heimat an. Ziel des Kreuzwegs war oft ein Kalvarienberg, auf dem sich eine Grabeskirche oder eine Darstellung der Kreuzigungsszene befand. In der Gemeinde Thür führte der alte Kreuzweg von der Mendiger Straße zum „Hoch Kreuz“, einer Kreuzigungsdarstellung auf einer Anhöhe zwischen Thür und Mendig. Der alte Thürer Kreuzweg hatte 14 Stationen, wie sie etwa ab 1600 allgemein üblich waren.

Um Verwitterung und Verfall vorzubeugen, wurden die Stationen in den 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts abgebaut und in der Scheune des alten Thürer Pfarrhauses eingelagert. Dort standen sie über 40 Jahre. Auf Initiative des inzwischen verstorbenen Thürer Mitbürgers Alois Schneider wurde die Idee aufgegriffen, die Kreuzwegstationen zu restaurieren und wieder aufzustellen.

Die stark verwitterten Reliefbilder aus Keramik wurden von dem Künstler Clark Heinrich aus Hausen mit Ochsengalle gereinigt, Fehlstellen ausgebessert und die alten Farben aufgefrischt. Außerdem trug er Schellack und Spirituslack auf und überstrich alles mit einer zarten Lasur. Die alten Bilder erstrahlten nun wieder in neuem Glanz.

Im Rahmen eines Festes des Thürer Handwerkerforums im Jahr 2004 wurde die erste Kreuzwegstation von den fünf beteiligten Firmen gestiftet, in Eigenleistung gefertigt und aufgestellt. Dabei wurde der Bildstock aus Tuffstein und Basalt gearbeitet, was den Kreuzwegstationen ein markantes Aussehen verleiht und die wunderschönen farblichen Kreuzwegbilder voll zur Geltung bringt.

Was damals absolut utopisch schien, nämlich alle 14 Stationen wieder aufzustellen, ist heute Wirklichkeit geworden. Durch Spenden von Vereinen, Firmen und zahlreichen Mitbürgern ist es gelungen dieses große Vorhaben in die Tat umzusetzen. Dreizehn Kreuzwegstationen sind mittlerweile bereits aufgestellt worden, die letzte Stationen ist bereits in Arbeit. Damit kann der vollständige Kreuzweg noch in diesem Jahr 2011 fertiggestellt werden.

Die Kreuzwegstationen wurden bewusst nicht mehr auf den ursprünglichen Standorten entlang der Mendiger Straße bis zum Hochkreuz, also hauptsächlich außerhalb des Ortes aufgestellt, da man hier die Beschädigungen an den historischen Bildern befürchtete. Vielmehr entschloss man sich, die Bildstöcke im ganzen Ort, an hierfür optisch schön geeigneten Stellen, aufzustellen. Der Kreuzweg schlängelt sich so durch ganz Thür, bereichert viele Ansichten des Ortes und erzeugt Patenschaften und Verantwortlichkeiten für die einzelnen Stationen.

Anlässlich der 900-Jahr-Feier unseres Ortes Thür soll am Palmsonntag, 01.04.2012, erstmals der komplette Kreuzweg begangen und eingesegnet werden.

Der Kreuzweg in Thür

Auf der Karte ist die Lage der Kreuzwegstationen dargestellt. Durch Anklicken der Punkte können die dazugehörigen Bilder betrachtet werden.

Vorwort zum Kreuzweg in Thür :

von Pfarrer Ralf Birkenheier

Christen sind eigentlich nichts anderes als „Protestanten“ – sie finden sich mit den Gegebenheiten dieser Welt nicht ab: Sie protestieren gegen Ungerechtigkeit und Unfreiheit, gegen Krankheit und Leid, gegen Hunger und Durst, gegen Gewalt und Krieg – und sie lehnen sich erst recht mit aller Kraft auf gegen den Tod. Warum? Der Grund dafür ist Christus selbst, dessen Namen sie tragen – und dem sie hinterhergehen, dem sie nachfolgen – den sie in dieser Welt, hier und heute, verlebendigen, vergegenwärtigen – oder sie verfehlen ihre Sendung!!!

Christus ist diesen Weg des Protestes gegangen, mit aller Konsequenz – und die brachte ihm den Tod: Qualvoller Tod – ausgestreckt am Kreuz, mit dem Protestschrei auf den Lippen, wie ihn die Welt noch nie gehört hat: „Gott, warum“?

Christen glauben, dass Gottes Antwort auf diesen Aufschrei, diesen Protest der gesamten Schöpfung, der Ostertag ist:
Tod und Sterben, das Grab haben ihre Endgültigkeit verloren; der Mensch hat es nun endgültig mit Gott zu tun – der, so bezeugt Christus selbst, das Leben will, und zwar in aller Fülle. Auferstehung ist Gottes Zusage und Antwort darauf.

Der uns aus unseren Kirchen, unseren Wallfahrtswegen, unseren Straßen bekannte Kreuzweg bringt dies sichtbar zum Ausdruck: Gott geht unseren Lebensweg – in all seiner Begrenztheit, mit allen seinen Fragen und Zweifeln, mit all seinen Enttäuschungen und Wunden – einfach nur mit. Er geht dem allen nicht aus dem Weg, damit unser aller Wege in seinem Leben zur Heimat führen.
Über viele Stationen, Momente dieser unserer Wege, führt der Kreuzweg. Die Tradition hat sie in 14 zusammengefasst – symbolisch für alle Lebenserfahrungen: Nichts ist unserem Gott fremd, am wenigsten wir in unserem Fragen und Leiden. Darum steht über diesem Weg, und damit über meinem eigen Leben, das Wort Jesu: Ich bin die Auferstehung und das Leben!

Über unserer Gemeinde Thür liegt deshalb nicht der Schatten des Kreuzes, sonders über uns leuchtet das Licht des Ostertages. Der auf so liebevolle Weise restaurierte und neu gestaltete Kreuzweg – ermöglicht durch vielfältige Spenden, unterstützt durch viele Unbenannte, liebevoll gepflegt durch zahlreiche Hände, respektiert und bewundert von allen – ist dafür sichtbares Zeugnis – und Mahnung und Erinnerung zugleich:
Weil wir es mit Gott zu tun haben, haben wir es mit dem Leben zu tun: Ostern ist unser Ziel!

 

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Die 15. Station des Kreuzwegs ist der Ostersonntag - die Auferstehung, so sagt Pfarrer Ralf Birkenheier.
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Ältestes Haus von Thuer
2011 Bouleplatz in Thür
Bildstock Kreuzweg Thür
Kirche in Thür
Fraukirch Mai 2011

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Dorfplatz Thuer
Scheunenkaffee in Thür
Thürer Wiesen
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